Türmer, Pfeifer und Posaunen

600 Jahre Musik vom Turm der Kreuzkirche Dresden

Titelbild der Ausstellung (Idee: Steffen Rimpl)

In einer Ratsanweisung der Stadt Dresden aus dem Jahr 1420 werden erstmals drei Stadtmusikanten erwähnt, die für ein Honorar von 16 Groschen pro Person 29 Mal im Jahr in der Kreuzkirche von der Orgelempore spielen. Schon vorher besorgte der Türmer, auch Stadthausmann genannt, das Stundenblasen vom Turm.

In Person des Stadtmusicus Gottfried Heinrich Schnaucke, mit liebevoll gestalteten Details und vielen Hörbeispielen entfaltet die Ausstellung „Türmer, Pfeifer und Posaunen – 600 Jahre Musik vom Turm der Kreuzkirche“ Arbeit, Musik und Alltag der Stadtpfeifer über die kommenden 600 Jahre. Dies alles findet schließlich Eingang in die evangelische Posaunenchorarbeit und die regelmäßigen Auftritte der „Dresdner Turmbläser“ heute.

Auszug aus einer frühbarocken Tanzmusik mit den Dresdner Turmbläsern unter Leitung von Andreas Altmann

Damals wie heute erfreuen die Bläserchöre die Menschen und bringen zugleich die frohe Botschaft von Jesus Christus zum Klingen.

Frieder Lomtscher, Geschäftsführer der Sächsischen Posaunenmission, freut sich, dass die vielfältige Tradition der Blechbläser in dieser Ausstellung erfahrbar wird.
Gottfried Reiche (1667-1734), Quelle: Wikipedia

Johann Pezelius (1639-1694) und Gottfried Reiche (1667-1734) gehören zu Sachsens bedeutendsten Stadtpfeifern. Reiche genoss durch sein Spiel in Johann Sebastian Bachs Kirchenmusikorchester besondere Privilegien. Er beherrschte auch das Clarinblasen, eine kunstvolle Form des barocken Trompetenspiels.

Das Choralblasen vom Turm ist eine rein protestantische Tradition, die erst mit der Reformation aufkam. Dem geblasenen Choral kam eine besondere Bedeutung zu, da es eine Art der Predigt darstellte, die über die Häuser hinweg zu den Menschen getragen wurde. Die Gemeinde hörte den Choral und konnte zuhause oder auf der Straße mitsingen oder mitbeten. Dies ist eng mit dem Turmblasen verwoben.

Wenn Sie auf das Bild von Gottfried Reiche klicken, gelangen Sie zu einem Youtube-Video, wo Sie die Noten, die Reiche in der Hand hält, gespielt hören können. Man bezeichnet das auch als sogenanntes „Abblasen“.

Das Bild verrät noch etwas anderes: Reiche hat sich mit einem Horninstrument abbilden lassen, die Noten zeigen jedoch eine Trompetenetüde. So wissen wir heute, welches Instrument Reiche wirklich geblasen hat, obwohl die Trompete bürgerlichen Musikern damals eigentlich verboten war. Sie galt als königliches Instrument.

Fünf Jahre dauerte die Lehrzeit eines Stadtpfeifers und war von Musikpädagogik weit entfernt. Wenn die Töne schief klangen, setzte es stattdessen Backpfeifen vom Meister.

Um die vielfältigen Dienste abdecken zu können, musste der Stadtpfeifer von seinem eigenen Jahresgehalt auch Gesellen und Auszubildende entlohnen. Um 1600 verdiente ein Stadtpfeifer in Leipzig 26 Gulden im Jahr. Dafür konnte man vierzig Schweine kaufen – oder eine gute Posaune. Bei Hochzeiten oder anderen privaten Feiern gabt es zusätzliche “Accidentien“.

Ich selbst spiele die Posaune. Für mich war es spannend, mich auf eine Reise in die Vergangenheit zu begeben.

Dresdens Superintendent Christian Behr hat Stadtmusicus Schnaucke seine Stimme geliehen.
In diesem kleinen Audio-Auszug aus der Ausstellung erzählt Stadtmusicus Schnaucke über die Entwicklung der Bläsermusik im 19. Jahrhundert. Unüberhörbar ist sie auch ein Verdienst von Johannes Kuhlo. Er erfand nicht nur das Kuhlo-Horn, sondern gilt auch als Gründer der evangelischen Posaunenchorbewegung.

Ihre Spende:

Die Aufbereitung der Quellen für die Turmbläser-Ausstellung hat Kosten verursacht, welche noch nicht gedeckt sind. Wir erbitten deshalb Ihre Spende an die Sächsische Posaunenmission:

Zweck: 600 Jahre Turmmusik in Dresden
Bank für Kirche und Diakonie
IBAN: DE 15 3506 0190 1618 6200 14 BIC: GENODED1DKD

Pfarrer Adolf Müller (1876 – 1957) leitete als „Sächsischer Landesposaunenmeister“ die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründeten Posaunenchöre. Er belebt zudem die Tradition des Turmblasens der Stadtpfeifer neu. Seine Notenausgaben „Vom Turm“ enthalten Bläserstücke aus der Stadtpfeiferzeit und zeitgenössische Kompositionen. In den Mitteilungsblättern der Evangelischen Posaunenmission macht Adolf Müller Vorschläge zur Gestaltung des Turmblasens.

Seit einigen Jahren musizieren um den Solotrompeter Sebastian Schöne wieder regelmäßig Turmbläser an der Kreuzkirche. Sie spielen zugleich auch in den Posaunenchören der Sächsischen Posaunenmission. Wenn Sie Lust haben und ein Blasinstrument erlernen wollt, freut man sich auf Sie!

Eintritt und Öffnungszeiten:

Die Sonderausstellung wird am Samstag, 18. Juli, 17 Uhr, in der Kreuzkirche Dresden eröffnet. Sie kann bis Juli 2021 im Rahmen der Turmbesteigung besichtigt werden.

Eintritt/Turm:

Erwachsene: 4 Euro

Schüler und Studenten: 2,50 Euro

Kinder 6 bis 14 Jahre: 1,50 Euro

Familien mit Kindern unter 14 Jahren: 8 Euro

Gruppenkarte (ab 10 Erwachsene): 3 Euro

Citycard: 1,50 Euro

Öffnungszeiten:

Montag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr

Samstag, 10 bis 15 Uhr Sonntag, 12 bis 18 Uhr

Per Audioguide durch die Bläserausstellung: Gottfried Heinrich Schnaucke erzählt

Hier spricht der ehemalige Stadtmusicus Gottfried Heinrich Schnaucke, der von 1766 bis 1771 an der Dresdner Kreuzkirche wirkte. Er berichtet über Alltag, Ausbildung, Verdienst der Stadtpfeifer und wie sich ihre Arbeit im Laufe der Zeit wandelte. Unterbrochen sind Schnauckes Ausführungen mit musikalischen Hörbeispielen. Ein Hörgenuss für unterwegs oder zu Hause. Und eine gute Gelegenheit, die Themen der Ausstellung nochmals akustisch zu vertiefen.

Stadtmusicus Gottfried Heinrich Schnaucke erzählt